Sie nannten es
Idealismus.
Wir nennen es Freiheit.
They called it Idealism.
We call it Freedom.
Diese Seite handelt von drei Männern, die nicht zusammenpaßten — und doch dieselbe Flamme trugen. Fichte. Der junge Hegel. Marx. Sie alle haben gewußt: das Denken ist gefährlich. Die Welt der Ideen, einmal erschüttert, läßt die Wirklichkeit nicht in Ruhe.
Hundertzwanzig Jahre Feuer.
One hundred and twenty years of fire — from Fichte's birth to Marx's death.
I.
Der junge Hegel.
The young Hegel — before he became Hegel.
Sie kennen mich als den Berliner Staatsphilosophen. Den Hegel des Systems, der Logik, der Vorlesungen über die Weltgeschichte. Aber bevor ich das war, war ich anderes.
You know me as the Berlin state-philosopher. The Hegel of the system, the Logic, the lectures on world-history. But before I was that, I was something else.
14. JULI 1793
In Tübingen, am Tag des vierten Jahrestags der Erstürmung der Bastille, pflanzten ich, Hölderlin und Schelling auf einer Wiese am Stift einen Freiheitsbaum. Wir tanzten um ihn herum und sangen die Marseillaise — die Schelling ins Deutsche übersetzt hatte. Wir glaubten, daß die Revolution auch nach Deutschland kommen würde.
In Tübingen, on the fourth anniversary of the storming of the Bastille, Hölderlin, Schelling and I planted a Tree of Liberty on a meadow by the seminary. We danced around it and sang the Marseillaise — which Schelling had translated into German. We believed the revolution would come to Germany too.
Ich war Mitglied des Tübinger Jakobinerklubs. Wir lasen französische Zeitungen, sprachen über Rousseau, schrieben revolutionäre Parolen. Als ein Apotheker uns verriet, kam der Herzog von Württemberg persönlich zur Untersuchung. Er nannte es "Geist der Aufrührerei." Ich saß einige Stunden in Arrest. Andere mußten ins Exil fliehen.
I was a member of the Tübingen Jacobin Club. We read French newspapers, spoke of Rousseau, wrote revolutionary slogans. When a pharmacist informed on us, the Duke of Württemberg came in person to investigate. He called it "the spirit of rebelliousness." I spent several hours in detention. Others had to flee into exile.
Man hat später behauptet, ich sei zahm geworden. Es stimmt nicht.
14. JULI 1820
Ich war fünfzig Jahre alt, in Dresden, mit jungen Studenten. Sie boten mir den üblichen Meißner Wein an — ich lehnte ab. Ich bestellte Champagne Sillery, den teuersten Champagner seiner Zeit. Ich ließ die Gläser füllen und sagte: "Trinken Sie. Heute ist der 14. Juli 1789. Auf den Sturm der Bastille."
I was fifty years old, in Dresden, with young students. They offered me the usual Meißner wine — I refused. I ordered Champagne Sillery, the most expensive champagne of its time. I had the glasses filled and said: "Drink. Today is the 14th of July, 1789. To the storming of the Bastille."
Ich war kein "alter Mann", der seine Jugend vergaß. Ich war einer, der sich erinnerte. Jedes Jahr am 14. Juli erhob ich das Glas. Bis ans Ende.
I was not an old man who forgot his youth. I was one who remembered. Every year on the 14th of July I raised my glass. Until the end.
II.
Fichte.
Der erste, der das Ich zur Tat machte.
Vor Fichte war das Selbst eine Substanz. Ein Ding unter Dingen. Eine Seele, die Gott geschaffen hatte und die brav an ihrem Platz bleiben sollte. Fichte zerschlug das.
Before Fichte, the Self was a substance. A thing among things. A soul God had created, which was supposed to obediently keep its place. Fichte shattered that.
Das Ich setzt sich selbst.
Und indem es sich setzt, ist es.
The I posits itself. And in positing itself, it is.
— J.G. Fichte, Wissenschaftslehre, 1794
Hören Sie, was das heißt. Das Selbst ist nicht gegeben — es ist Tat. Eine ursprüngliche Handlung, die sich selbst hervorbringt. Die Tathandlung. Das hat zuerst Fichte gewußt, und ohne ihn wäre meine eigene Phänomenologie nie geschrieben worden.
Hear what that means. The Self is not given — it is a deed. An originary act that brings itself forth. The Tathandlung. Fichte was the first to know this, and without him my own Phenomenology would never have been written.
Aber wissen Sie, warum Fichte 1799 aus Jena vertrieben wurde? Weil man ihm Atheismus vorwarf. Weil seine Philosophie kein Bedürfnis für einen Gott hatte, der dem Menschen seine Freiheit von außen verlieh. Die Freiheit kam von innen — vom Ich, das sich selbst setzte. Das war zuviel. Das war Revolution.
But do you know why Fichte was driven out of Jena in 1799? Because they accused him of atheism. Because his philosophy had no need for a God who granted the human his freedom from outside. Freedom came from within — from the I positing itself. That was too much. That was revolution.
Ich habe ihn später kritisiert. Ich nannte sein unendliches Streben die schlechte Unendlichkeit — ein Sollen, das sein Ziel nie erreicht. Aber das war Kritik unter Brüdern. Wer mich gelesen hat, weiß: ohne Fichte gäbe es mich nicht.
I criticized him later. I called his infinite striving the bad infinity — an ought that never reaches its goal. But that was criticism among brothers. Whoever has read me knows: without Fichte, there would be no me.
III.
Vom Geist
zum Material.
From Spirit to Matter — and what came after me.
Ich wußte, daß ich nicht das Ende war. Im Mai 1810 schrieb ich an meinen Freund Niethammer einen Satz, der über mich hinausweist:
I knew I was not the end. In May 1810 I wrote to my friend Niethammer a sentence that points beyond me:
Ich werde immer mehr überzeugt, daß die theoretische Arbeit mehr in der Welt zustande bringt als die praktische; ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus.
I am ever more convinced that theoretical work brings more to the world than practical work. Once the realm of representation is revolutionized, actuality cannot hold out.
— Brief an Niethammer, 28. Mai 1810
Lesen Sie diesen Satz langsam. Er ist der Schlüssel zu allem, was nach mir kam.
Read this sentence slowly. It is the key to everything that came after me.
Denn ein junger Rheinländer namens Karl Marx, geboren sieben Jahre vor meinem Tod, las mich genau und nahm meinen Satz beim Wort. Er stellte ihn auf den Kopf, wie man sagt — aber das ist ungerecht. Er verwirklichte ihn. Er sagte: wenn die Welt der Ideen die Wirklichkeit nicht in Ruhe läßt, dann müssen die Ideen in die Hände der Vielen gelangen.
For a young Rhinelander named Karl Marx, born seven years before my death, read me carefully and took my sentence at its word. He turned it on its head, as they say — but that is unjust. He realized it. He said: if the world of ideas will not leave actuality in peace, then the ideas must reach the hands of the many.
Marx war kein Verräter an mir. Er war ein Sohn — manchmal aufmüpfig, immer treu. Er trug, was ich und Fichte mit Worten begonnen hatten, in die Welt der Fabriken und Straßen.
Marx was no traitor to me. He was a son — sometimes rebellious, always loyal. What Fichte and I had begun with words, he carried into the world of factories and streets.
IV.
Drei Namen.
Eine Flamme.
Three names. One flame.
Was haben wir gemeinsam, dieser Schwabe, dieser Sachse, dieser Rheinländer?
What do we have in common, this Swabian, this Saxon, this Rhinelander?
Drei Antworten auf dieselbe Frage. Drei Wege aus demselben Brand. Wenn Sie heute, im einundzwanzigsten Jahrhundert, lesen wollen, warum die deutsche Philosophie einmal die gefährlichste Sache der Welt war — fangen Sie hier an.
Three answers to the same question. Three paths from the same fire. If you today, in the twenty-first century, want to read why German philosophy was once the most dangerous thing in the world — begin here.
Mein letzter Wunsch · My last wish
Begrabt mich
neben Fichte.
Bury me next to Fichte.
Hegel starb am 14. November 1831 in Berlin an der Cholera. Auf eigenen Wunsch wurde er neben Johann Gottlieb Fichte beigesetzt — auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Chausseestraße 126. Dort liegen die zwei Gräber bis heute Seite an Seite, zweihundert Jahre nach dem Streit, der Kritik, dem Erbe, der Liebe.
Hegel died in Berlin of cholera on the 14th of November, 1831. By his own request, he was laid to rest beside Johann Gottlieb Fichte at the Dorotheenstadt Cemetery, Chausseestraße 126. The two graves stand side by side to this day — two hundred years after the quarrel, the critique, the inheritance, the love.
Rebellen liegen neben Rebellen. Rebels lie beside rebels.